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Nach oben ist immer noch Luft

Verleihung der BIENE-Awards 2006


09.12.2006 - fjh

BIENE-Logo

Drei goldene "BIENEN" haben die Stiftung Digitale Chancen und die Aktion Mensch (AM) am Freitag (8. Dezember) in Berlin überreicht. Die Barmer Ersatzkasse (BEK), das österreichische Bundeskanzleramt und der Pharma-Konzern Pfizer sind nun stolze Besitzer dieser begehrten Internet-Auszeichnung.


Mit dem "BIENE-Award" zeichnen die Stiftung und die Aktion Mensch seit 2003 Internet-Seiten aus, die sich durch ein hohes Maß an Barrierefreiheit auszeichnen. 376 Seiten sind in diesem Jahr für den Preis vorgeschlagen worden. Nach einem sehr strengen Auswahl-Verfahren sind ganze 25 davon noch auf der sogenannten "Shortlist" übriggeblieben.


In einer originell aufgemachten Broschüre präsentierten die Veranstalter diese Liste in Din A4-Querformat so, dass man auf der hochgeklappten Seite jeweils einen Screen-Shot der betreffenden Seite und darunter eine Tastatur mit einem Notiz-Zettel dazu sieht. Ausgestattet mit dieser Broschüre, verfolgten rund 200 Zuschauerinnen und Zuschauer die Preisverleihung im Berliner E-Werk.

Im Jahr 2006 verteilen sich die Auszeichnungen auf vier Kategorien. In jeder dieser Rubriken wiederum wurden die Bewerber in "einfache Angebote" und "komplexe Angebote" unterteilt. Interessanterweise haben die komplizierteren Webseiten aber in der Regel eher die Anforderungen an barrierefreies Webdesign erfüllt als die einfachen. Vielleicht liegt das daran, dass in ihre Erstellung mehr externes Know-How einbezogen wird als für die Gestaltung einfacherer Angebote.


Nach einer jüngst veröffentlichten Studie der UNESCO erfüllen nur drei Prozent der grob überprüften Internet-Seiten auch nur geringste Anforderungen barrierefreien Webdesigns, berichtete die Fernseh-Journalistin Dr. Verena Metze-Mangold bei der Preisverleihung.


Doch haben die Vereinten Nationen (UN) jetzt eine internationale Konvention zum Schutz der Menschenrechte Behinderter formuliert, berichtete Sozial-Staatssekretär Franz Thönnes in seinem Grußwort am Freitagabend. In der - von ihm selbst mit ausgearbeiteten - UN-Konvention sei auch das Recht auf ungehinderten Zugang zur Information festgeschrieben.


Gerade das Internet biete eine ideale Plattform für die Kommunikation von Menschen ohne Ansehen ihrer Person, ihrer Behinderung, Hautfarbe oder sogar ihres Geschlechts, erklärte Johnny Häusler vom "Spreeblick". So habe er selbst erst nach mehr als einem halben Jahr mitbekommen, dass sein aktiver Austausch-Partner in einem Newsroom blind war. Dieses Beispiel verdeutliche, wie wichtig es ist, die Barrierefreiheit im Internet immer weiter voranzutreiben. Dabei spiele auch die BIENE eine wichtige Rolle.


"Die BIENE ist angekommen", resümierte AM-Geschäftsführer Dieter Gutschick. Der Preis trage mit dazu bei, die Anforderungen an barrierefreies Webdesign breit in der Szene zu verankern. Er motiviere viele dazu, über eine entsprechende Gestaltung ihrer Seiten nachzudenken, wenn auch nicht alle immer preiswürdige Ergebnisse erzielen.


In der ersten Rubrik "Einkaufs- und Transaktionsangebote" beispielsweise gab es gar keine preiswürdigen einfachen Seiten. Die ersten beiden Bienen des Abends gingen in Bronze an die DSL-Bank unter "www.dsl-bank.de" und in Silber an das "TAB-Portal" der Thüringer Aufbaubank.


Die erste goldene BIENE des Abends erhielt die Seite "help.gv.at" des österreichischen Bundeskanzleramtes. Sie fasst alle wesentlichen Dienstleistungen der österreichischen Bundesbehörden zusammen. An ihrer Entwicklung waren auch die dortigen Behindertenverbände beteiligt. Gemeinsam wolle man die Seite ständig weiterentwickeln, versprach die Vertreterin des österreichischen Bundeskanzlers.


Mit einer bronzenen BIENE in der Kategorie "Einfache Informations- und Kommunikationsangebote" wurde die Seite "www.holocaust-chronologie.de" ausgezeichnet. In einem recht einfachen Design dokumentiert diese Internet-Seite tausende von Materialien zum schlimmsten Verbrechen der Menscheitsgeschichte. Benutzer können dabei auswählen, ob sie eine Kurzfassung oder ausführliche Dokumente nachlesen möchten. Weitere bronzene Bienen aus dieser Kategorie flogen zu "www.die-gesundheitskarte.de", einer Propaganda-Seite des Bundes-Gesundheitsministeriums und zur Kontaktbörse "www.morefriends.de".


Silberne Bienen gingen an den Studiengang "Media Management" der Fachhochschule Wiesbaden" und an das Stadthaus-Hotel Hamburg. Seit 1993 betreiben Behinderte dieses barrierefreie Hotel. Für sie war es nur folgerichtig, dass auch die Internet-Präsenz ihres Projekts barrrierefrei werden musste.


In der Kategorie "Tagesaktuelle Informations- und Kommunikationsangebote" erfüllte nur eine einzige Seite die Prüfkriterien. "www.tagesschau.de" erhielt auch nur eine bronzene BIENE, da auch diese Seite nicht alle Anforderungen vollständig verwirklicht. Angesichts der Vielzahl und Schnelligkeit der Informationen auf dieser Präsenz scheinen Einbußen hier aber eher verschmerzbar als auf anderen Seiten. Der Vertreter von "tagesschau.de" versprach jedoch, sich um Verbesserungen zu bemühen.


In der Kategorie "Komplexe Informations- und Kommunikationsangebote" zog es eine weitere BIENE in bronze in die grüne Stadt Straelen am Niederrhein. Dazu gesellte sich eine silberne BIENE für den Deutschen Bundesrat als Vertretung der 16 Bundesländer auf der Bundes-Ebene.


Mit "www.pfizer.de" wurde eine kommerziell ausgerichtete Seite vergoldet. Der Erfolg des internationalen Pharma-Konzerns beim BIENE-Wettbewerb ist das Ergebnis einer Zielvereinbarung zwischen Pfizer Deutschland und den deutschen Behindertenverbänden. Die intensive Beratung durch die Verbands-Experten führte dann auch dazu, dass diese Seite die besten Test-Werte von allen erreicht hat. Sie präsentiert Beipackzettel online in unterschiedlichen Versionen, die speziell auf die Bedürfnisse behinderter Patientinnen und Patienten ausgerichtet sind. Hinzu kommt eine Fülle weiterer Informationen zum Thema Gesundheit.


Das Signal, das von dem Preis für Pfizer ausgeht, lautet: Es lohnt sich, derartige Zielvereinbarungen abzuschließen.


In der letzten Kategorie "Recherche- und Service-Angebote" wurden zwei einfache Seiten mit Bronze prämiert: Mit dem Portal "CConsult" unter "www.cconsult.info" möchte die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft Unternehmensberater für Belange des Gesundheitsschutzes am Arbeitsplatz sensibilisieren. Das "Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung "(ZEW) präsentiert sich und seine Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit wie auch der Fachwelt auf der Internetseite "www.zew.de".


Bei den komplexen Seiten dieser Kategorie gab es fast einen Bienen-Schwarm: Die Kampagnen-Webseite "www.gib-aids-keine-chance.de" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und die Fahrplan-Auskunft des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr (VRR) unter "www.vrr.de" bewertete die Jury mit Silber.


Mit einer goldenen BIENE würdigte sie die Anstrengungen der Barmer Ersatzkasse, die ihre Patientinnen und Patienten nicht nur über die Geschäftsstellen vor Ort ansprechen möchte, sondern mit Hilfe ihrer Homepage "www.barmer.de" auch über das Internet. Zunehmend gewinne dieser Weg an Bedeutung. Gerade behinderte Patientinnen und Patienten seien auf dieses Angebot oft angewiesen.


Nachwuchs-Webdesigner erhielten 2006 zum zweiten Mal eine spezielle Nachwuchs-BIENE. Diese jungen Bienchen flogen in den Pilzhof-Piesker unter "www.pilzhof-piesker.de" und in die Backstube Kornzauber unter "www.kornzauber.de", einem Spezial-Bäcker für Allergiker.


"Hier ist noch Spielraum nach oben", musste die Jury so manchem Preisträger an diesem Abend zusammen mit seiner BIENE mit auf den Weg geben. Auch die Organisatoren des Abends mussten sich eben diese Kritik anhören: Als eine Akrobatin Kunststückchen hoch oben am Bühnen-Vorhang vorführte, da wurde hinterher auf die fehlende Audiodeskription hingewiesen. Wer Barrierefreiheit wirklich ernst nimmt, der kann in einer Veranstaltung mit mehreren Dutzend blinden Gästen wohl kaum ernsthaft eine rein optische Show-Einlage ohne Audiodeskription anbieten. Das ist wie eine Grafik im Internet ohne ALT-Text!


Veranschaulichen kann dieser kleine Fauxpas die Tatsache, wie leicht es selbst routinierten und engagierten Menschen im Alltag unterlaufen kann, dass sie Behinderte unfreiwillig ausgrenzen. Umso wichtiger ist es, dass die BIENE weiterfliegt und allen Beteiligten weitere Chancen eröffnet, sich mit immer neuen eigenen Erfahrungen auf einen barrierefreien Alltag und ein barrierefreies Internet hinzubewegen.


Franz-Josef Hanke - 09.12.2006



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